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Samuel Beckett’s Meisterwerk im grossen Bärengraben

WARTEN AUF GODOT
mit Horst Krebs, Alexander Muheim, Uwe Schönbeck, Markus Signer, Regie: Michael Oberer, Ausstattung: Christoph Wagenknecht, Produktionsleitung: Christoph Balmer, Technische Leitung: Christoph Ramseier, Presse/PR: Pia Muheim

23. Juli  – 15. August 2010, 20:15 Uhr (Türöffnung 19:30, Dauer ca 2 Stunden)
Vor und nach der Vorstellung sowie in der Pause Tramdepotbar im kleinen Bärengraben.
Vorverkauf: www.starticket.ch


Gedanken zum Stück und zur Aufführung

Zwei Vagabunden, Wladimir und Estragon, warten zwei Akte lang auf einer Landstrasse auf Godot. Wer Godot ist, werden wir nie erfahren. Niemand weiss es. Beckett meinte einmal dazu:“ Wenn ich das wüsste, hätte ich es in meinem Stück gesagt.“ Also warten die beiden und vertreiben sich die Zeit mit leerem Geschwätz, weil sie nicht schweigen können, spielen sich Gefühle vor, die sie nicht empfinden können, spielen mit Hut und Hose, weil sie nicht arbeiten können, versuchen einen Selbstmord, zu dem sie nicht fähig sind, zanken sich, weil sie sich nicht lieben können, freuen sich über alles, was die nicht zerrinnen wollende Zeit etwas erträglicher macht und schreien nach Erbarmen. Zwei Tragikomiker des grossen  Verlangens nach Sinngebung, der unerfüllten Fragestellungen.
Ihre Einsamkeit wird in jedem Akt einmal unterbrochen durch den Auftritt zweier Menschen, die nicht auf Godot warten, ein Gegensatzpaar ohne jedes Glaubensbedürftnis: Pozzo, ein peitschenknallender Machtmensch und, an einem langen Halsstrick bei sich führend, sein Sklave Lucky, der Künstler und Intellektuelle. Im Bärengraben kann und darf man sich die Frage stellen, ob die Zwei nicht die Wärter von Wladimir und Estragon sind.

Im Gegegsatz zur Brüderlichkeit von Wladimir und Estragon leiden diese zwei an ihrem quälerischen Abhängigkeitsverhältnis, das sich  mit der Zeit völlig verdreht. Pozzo  verabschiedet sich mit seinem denkwürdigen Satz über die Menschen: „Sie gebären rittlings über dem Grabe, der Tag erglänzt einen Augenblick, und dann von neuem die Nacht“. Obschon am Schluss jeden Aktes ein Kind erscheint und den beiden Vagabunden von Godot ausrichten lässt, dass er leider verhindert sei aber ganz gewiss demnächst erscheinen werde, gilt für sie eher ein anderes Beckettzitat: „Der Wind ist ungestüm. Das Wetter scheusslich. Es ist finstere Nacht, doch am Ende muss die Nacht zu Ende gehen.“

Die Deutungen von „Warten auf Godot“ füllen Bibliotheken und wir wollen keine weitere, überflüssige hinzufügen, nur soviel: Das nach wie vor Faszinierende an dem Stück ist, dass es die grundsätzlichen Fragen nach dem Sinn des Seins aufwirft, und wie verschieden Menschen darauf reagieren und handeln, denen offenbar dieser Sinn abhanden gekommen ist (Wladimir und Estragon ) oder sich dieser Sinnfrage gar nicht erst stellen ( Pozzo und Lucky ). Wenn man sich zum Beispiel die heftige Debatte um die Atheistenplakate vergegenwärtigt, scheint „Warten auf Godot“ nichts von seiner Aktualität eingebüsst zu haben. In seiner völligen Offenheit der Deutungen war Godot in den 80er und 90er Jahren nur ein weiterer Puzzleteil im unendlichen „AnythingGoes“ Spiel. In der Dämmerung eines neuen religiösen und moralischen Konservatismus bekommt der tief humane Skeptizismus von Beckett eine neue, andere Dimension als zu seiner Entstehungszeit. Standen für Beckett und viele seiner Zeitgenossen angesichts des Elends nach zwei Weltkriegen die politische und moralische Sinnfrage im Zentrum, stellt sich heute in den ganzen Debatten eher die Frage: Gibt es ein Leben neben oder nach der totalen Kreditwirtschaft? Wenn wir es schaffen, dass sich neben grossem Amüsement über die schrecklich komischen Gestalten beim Zuschauer nach der Aufführungen auch noch andere, kompliziertere Fragen stellen, kann man in den Worten eines modernen Pozzo nur sagen: „Mission accomplished“!

Wie bei jedem Stück, das man im Bärengraben spielen lässt, definiert und interpretiert dieser Raum und seine Geschichte die Aufführung.
In diesem Fall unterstützt der Graben das Gefühl des Eingesperrt-, des einem unergründlichen Schicksal ausgeliefert sein. Er hat auch Einfluss auf die Spielweise, erfordert doch dieser brutal naturalistische Raum eine sehr realistische Darstellungsform.
Die Zuschauer wollen wir am unteren Ende der ansteigenden Steine platzieren. Dadurch sind sie zwei Stunden in der gleichen Situation wie die Akteure oder wie früher die Bären, und durch die Nähe der Zuschauer zu den Schauspielern wird auch der grossen Intimität des Stückes Rechnung getragen.